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Warum Kinder zu Tyrannen erklärt werden

und Mütter lieber doch nicht zur lebenden Schallplatte werden sollten

Eine Analyse von Jobst Quis

Nie hätte ich gedacht, dass ein schlechtes Buch mir so lange Bauchschmerzen und Schlaflosigkeit bescheren könnte. Es heißt "Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden - die Abschaffung der Kindheit" und ist geschrieben von Michael Winterhoff, einem Kinderpsychiater. Inzwischen ist ein zweites Buch von ihm erschienen: "Tyrannen müssen nicht sein". Beide Bücher sind im Spitzenfeld der Bestsellerlisten zu finden.

Die Bücher allein wären es nicht wert, sich länger damit zu beschäftigen. Noch jemand, der den Untergang des Abendlandes voraussieht, weil die Welt nicht mehr mit seinem veralteten Weltbild übereinstimmt, und deshalb zur Umkehr aufruft. Jemand, der auf seinen Expertenstatus als Kinderpsychiater pocht und doch unfähig oder unwillig ist, die Fachbegriffe im allgemein üblichen Sinne zu verwenden. Seine Hauptthese, dass Kinder tyrannisch und lebensuntüchtig werden, wenn Eltern partnerschaftlich mit ihnen umgehen, wird in der Praxis von einer Vielzahl von Kindern wiederlegt. Doch davon lassen sich weder Winterhoff noch seine Fans stören, es als der Weisheit letzten Schluß anzupreisen.

Die vorbehaltlose Begeisterung, die die Bücher bei den Medien und den Massen finden, macht klar, dass es nicht nur um die verschrobenen Ansichten eines Einzelgängers geht, sondern um eine gesellschaftliche Bewegung. Und zwar um eine reaktionäre Bewegung, die die Vorstellungen über Kinder wieder zurückbringen will auf den Stand der vorigen Jahrhunderte. Wenn wir aus Mitgefühl mit den Kindern dem entgegentreten wollen, brauchen wir eine Analyse, müssen wir uns einigen Fragen stellen. Wie kommt Winterhoff dazu, Kinder als Tyrannen zu bezeichnen? Warum findet er damit so breite Zustimmung? Woher kommt ganz allgemein der Hass gegen Kinder? Und wohin führen die Methoden und Grundsätze, die Winterhoff propagiert?

Theoriebasteleien

Für seine Theorie, warum Kinder zu 'Tyrannen' werden, hat Winterhoff drei Schubladen für 'Beziehungsstörungen' gebastelt, mit den Etiketten 'Partnerschaftlichkeit', 'Projektion' und 'Symbiose'. In jeder dieser Schubladen ist neben einigen allgemein anerkannten Störungen noch genug Platz, um ungeliebte abweichende Vorstellungen vom Umgang mit Kindern mit hineinzupacken, auch wenn sie keinerlei Probleme hervorrufen.

Partnerschaftlichkeit, also eine gleichberechtigte Beziehung mit gegenseitigem Respekt, ist für ihn schon generell eine Beziehungsstörung, wenn es um Kinder geht. Unbestritten ist es Überforderung und damit Störung, wenn Kindern Entscheidungen abverlangt werden, für die sie noch lange nicht reif sind. Doch das Recht bei der Gleichberechtigung bedeutet, entscheiden zu dürfen und nicht entscheiden zu müssen. Und wenn von Überforderung der Kinder die Rede ist, muss auch bedacht werden, das Kinder ja auch bei autoritärer Erziehung nicht frei sind von Entscheidungszwang. Sie müssen sich immer wieder entscheiden, ob und wieweit sie gehorchen und dabei ihre eigenen Bedürfnisse unterdrücken, vielleicht die schwerste aller Entscheidungen.

Warum Winterhoff die zweite Schublade Projektion nennt, bleibt unklar. Eigentlich ist dies ein seelischer Mechanismus, der bewirkt, dass wir negativ bewertete Eigenschaften und Motive, die wir bei uns selbst oder uns nahe stehenden Personen nicht wahrhaben wollen, umso mehr bei anderen erkennen wollen. Denen wird dann unterstellt, was wir bei uns verdrängen.

Hier hinein steckt er alle, die 'von Kindern geliebt werden wollen'. Er hat recht, dass es nicht Aufgabe der Kinder ist, die Eltern zu lieben. Es tut Kindern auch nicht gut, wenn sich Eltern ihnen unterwerfen und sich von ihnen führen lassen. Das sagt sogar Jean Liedloff, die sonst eine ihm völlig entgegengesetzte Einstellung zu Kindern vertritt, in ihrem Artikel "Wer übernimmt die Führung?-Die unglückseligen Folgen, wenn sich alles ums Kind dreht."

Doch Winterhoff interpretiert auch jegliches Verständnis und Mitgefühl für Kinder als 'geliebt werden wollen'. Auf die Beschwerde einer Mutter über Freunde, die sich in der Frage des Zu-Bett-Gehens mit ihrem Kind solidarisierten, antwortet er: "Viele Erwachsene wollen auch von anderen Kindern geliebt werden und somit auch von Ihrem. Und sie sehen sich in Ihrem Kind und empfinden damit Ihre gesunde Grenzsetzung als eine Eingrenzung ihrer selbst." Wenn sich die Freunde in die Lage des Kindes versetzen und so erkennen, was die Grenzsetzung für das Kind bedeutet, ist das Verständnis und Mitgefühl. Winterhoff stellt das auf den Kopf und diffamiert es als Projektion. Mit 'geliebt werden wollen' hat Verständnis überhaupt nichts zu tun, es gibt auch ein allgemeines Verständnis für Menschen in einer bestimmten Lage, der konkrete Mensch muss also dem Verstehenden nicht mal bekannt sein.

Die dritte Schublade 'Symbiose' ist für die schwersten Fälle. Zum Beispiel für Eltern, die Lehrern und Erziehern 'in den Rücken fallen', also ihre Kinder auch noch unterstützen."Im Rahmen der Symbiose verschmilzt der Erwachsene seine Psyche mit der des Kindes, er behandelt das Kind, als sei es Teil seines eigenen Körpers. Das heißt im übertragenen Sinn: positive Zuwendung an das Kind ist gleichsam auch positive Zuwendung an den Elternteil. Entsprechend ist Kritik am Kind auch Kritik am symbiotischen Erwachsenen." -> Sich über Zuwendung an das Kind zu freuen und von Kritik am Kind betroffen zu sein, ist jedoch ein ganz normaler Effekt von Liebe der Eltern zu ihrem Kind. Krankhaft wird es erst in den seltenen Fällen, wenn Eltern nicht mehr in der Lage sind, zwischen sich und dem Kind zu unterscheiden.

Um diesen Schubladen zu entgehen, ist also ein sehr distanziertes Verhältnis zu Kindern nötig, am besten ohne Respekt, ohne Verständnis und Mitgefühl, ohne Liebe. Das Kind muss 'als Kind' gesehen werden, in eine traditionelle Rolle gedrängt werden, die ihnen von Erwachsenen zugeteilt wird, deren Verbindung zur eigenen Kindheit unterbrochen ist. "Sie finden sich in der gut gemeinten Freiheit überhaupt nicht zurecht", lernen nur Eltern und Lehrern zuliebe, und sind zu nichts fähig, was ihnen Erwachsene nicht wiederholt eingetrichtert haben. Alles in allem genau das Bild vom Kind, das es Erwachsenen ermöglicht, jegliche Machtausübung gegenüber Kindern zu begründen.

Beschönigt wird dies noch durch das Motto "Kinder müssen Kind sein dürfen". Als wäre es das Bedürfnis der Kinder, in diese Rolle des absolut Unfähigen gesteckt zu werden. Für ihre wahren Bedürfnisse, sie selbst zu sein, ihre eigenen Weltbilder zu entwickeln und ihre eigenen Wege zu gehen, bleibt da kaum noch Raum.

Kindern, die sich nicht so verhalten, wie er es erwartet, unterstellt er eine unterentwickelte Psyche. Dabei definiert er Psyche recht merkwürdig und eigenwillig. Aus einem Interwiew :

"Sehen Sie: Sie haben die gleiche Psyche wie ich, auch wenn wir unterschiedlich sind." ... "Die individuellen Anteile sind für mich als Psychiater nicht relevant, die braucht man in einer Freundschaft oder Berufsberatung." ... "Die Psyche hat zwei Bereiche. Das eine sind psychische Funktionen: Frustrationstoleranz, Gewissensinstanz, Arbeitshaltung, Erkennen von Gefühlen und so weiter. Diese Funktionen müssen Sie von klein auf dem Kind abverlangen und antrainieren. Eine Frustrationstoleranz kommt nicht automatisch, sondern darüber, dass das Kind lernt auszuhalten, abzuwarten. Der zweite Bereich sind Weltbilder. Unser Weltbild beruht auf der Vorstellung, wir seien Individuen im Rahmen einer Gesellschaft."

Es geht bei ihm um Anforderungen der Gesellschaft ( oder Teilen der Gesellschaft) an Kinder oder Menschen allgemein oder auch um kulturelle Prägung. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Psyche, und die Psyche hat Auswirkungen darauf, ob diese Anforderungen erfüllt werden. Doch das mit der Psyche selbst zu verwechseln, ist etwa so, als würde man Pornographie und Sexualität verwechseln. Jeder Mensch hat eine Psyche, unabhängig davon, ob und welche Anforderungen erfüllt werden. Und jede Psyche ist individuell, sie ist das Ergebnis von ganz individuellen Gefühlserfahrungen, von Schmerz, Angst, Wut, Scham usw. Wenn das für einen Psychiater nicht relevant ist, dann sagt das etwas über ihn aus oder über seinen ganzen Berufsstand.

Was will Winterhoff?

Sein zweites Buch hat den Untertitel "Warum Erziehung nicht reicht", seine Vorstellungen nennt er ganz modern 'beziehungsorientierte Konzepte'. In einem Interview taucht sogar die ursprünglich antipädagogische Parole 'Beziehung statt Erziehung' auf. Das geht natürlich nur durch recht eigenwilliges Umdefinieren sowohl von Beziehung als auch von Erziehung.

Beziehungen zu Kindern sind für ihn nur eindeutig hierarchisch denkbar, in der Praxis eine ständige Kontrolle und Zurechtweisung. "Es ist viel wichtiger, dass ich Zeit habe für das Kind, nicht, um die gleich wieder zu füllen, sondern um es im Alltag zu begleiten, beim Zimmeraufräumen, Hausaufgaben machen, waschen." -> Zum Dank decken Kinder dann aus Liebe zu solchen Eltern den Tisch und lernen in der Schule aus Liebe zu solchen Lehrern. Kommt da niemand auf den Gedanken, dass hier vielleicht Liebe mit Furcht verwechselt wird?

Unter Erziehung versteht er nur deren rationalen Teil, das Lernen von Regeln und natürlich auch anderen Inhalten. Er lehnt solche Erziehung nicht ab, hält sie aber erst mit zunehmendem Alter für zweckmäßig. Mit Kindern zu diskutieren hält er für eher schädlich, weil er davon ausgeht, das Kinder eh kaum etwas verstehen können. "Einsichtsfähigkeit können Sie allerdings bei einer gesunden Reifeentwicklung erst mit 15, 16 Jahren voraussetzen." ->

Worauf es ihm ankommt, ist das 'Training der Psyche', also eigentlich auch Erziehung, aber psychisch-emotional. "Ihre Nervenzellen müssen zuerst trainiert werden und das geht nur durch Wiederholung, nicht durch Verstehen. Eine Mutter muss ihrem Kind vier Jahre lang jeden Tag sagen, dass es nach dem Essen seinen Teller wegräumen soll. Mütter müssen zur lebenden Schallplatte werden von morgens bis abends. Sonst werden die Nervenzellen nicht trainiert." ->

Wohin führt sein Konzept?

Zweifellos ist ein solches 'Training' wirksam. Auch ohne offensichtliche Gewalt hinterlässt eine solche Dauerberieselung mit Demütigungen in der kindlichen Seele tiefe Spuren, die meist nicht wieder verschwinden werden. Eingefahrene Gleise, die es nicht so leicht wieder verlassen kann. Vermutlich wird es spuren, wann immer jemand sich ähnlich wie seine Eltern verhält. In Gegenwart von 'Respektspersonen' wird es unauffällig sein und reibungslos funktionieren. Es wird im Rahmen seiner geistigen Fähigkeiten lernen, was man ihm vorsetzt. Alles in allem also ein fast universell einsetzbares Rädchen im Getriebe.

Bei soviel Licht gibt es natürlich auch Schatten. Der Psychoanalytiker Arno Gruen hat sich intensiv mit diesen Schattenseiten des Gehorsams auseinandergesetzt, u.a. in seinen Büchern "Der Verrat am Selbst" und "Der Verlust des Mitgefühls". Unter Selbst ist der angeborene Kern zu verstehen, der sich zum Ich entfaltet, dazu gehören z.B. die körperlichen Empfindungen und Gefühle. Bei soviel Training zur Fremdbestimmung wird das Selbst zur Quelle von Störungen im Verhältnis zu den Eltern und zur gesellschaftlichen Macht, die sie vertreten. Wenn das Kind seinen eigenen Empfindungen folgt, bekommt es Ärger mit den Eltern. Das hat zur Folge, das irgendwann das Kind sein Selbst verrät, sich selbst unterdrückt, um die überlebenswichtige Beziehung zu den Eltern nicht zu gefährden.

Daraus folgt ein psychologischer Mechanismus, die 'Identifikation mit dem Aggressor'. Nach all den Niederlagen will das Kind auf der Seite der Starken sein, es identifiziert sich mit der Macht, unter der es gelitten hat. Das kann Vater oder Mutter persönlich sein, aber auch die anonyme Macht des 'man', der gesellschaftlichen Ordnung, der sich auch die Eltern unterworfen haben.

Das verratene und unterdrückte Selbst verschwindet nicht, aber es wird abgespalten und zusammen mit den ursächlichen Schmerz- und Ohnmachtserfahrungen ins Unterbewusste verdrängt. Dies ist der Grund, warum so viele Erwachsene kaum noch Erinnerungen an ihre Kindheit haben, insbesondere an ihre damalige Gefühlswelt. Mit dem Selbst geht auch das Mitgefühl für andere verloren. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, heißt es, aber wie soll das gehen für jemanden, der sich selbst hasst? Er kann höchstens 'lieb sein' zur bedrohlichen Macht, um des 'lieben Friedens' willen.

Inneren Frieden werden so Erzogene jedoch nicht finden. Frustrationen eine Weile auszuhalten, kann trainiert werden. Doch die Frustrationen selbst bleiben, sie suchen sich einen Ausweg in Aggression und Hass. Sie richten sich gegen alles, was nicht unter dem Schutz der Macht steht, mit Vorliebe gegen Menschen, die anders sind: andere Nation, andere Rasse, andere Kultur. Besonders auch gegen alles, was sich schwach zeigt, weil Schwäche wieder an den Schmerz der eigenen Schwäche zu erinnern droht, die sie erlebt und nur mühsam wieder verdrängt haben.

Hierin liegt auch die wesentliche Ursache ihres Hasses gegen Kinder, besonders gegen diejenigen, die ihr Selbst noch nicht aufgegeben haben. Das, was sie erlitten haben, ist am besten zu ertragen in dem Glauben, dass es anders gar nicht geht. So spüren sie einen inneren Drang, das selbst Erfahrene an Anderen zu wiederholen. Also Kinder so zu erziehen, wie sie selbst erzogen wurden, oder auch zu solcher Erziehung aufzufordern. Winterhoff nennt so etwas dann 'Intuition'.

Sein Einhämmern von gesellschaftlichen Normen ist eine Form von Sozialisation, der Tradierung von Kultur von einer Generation zur nächsten, doch nicht die einzig mögliche. Die andere geht über Lernen und Verstehen aus eigenem Antrieb der Kinder. Mischformen sind auch möglich, doch gerade das ist oft eine Quelle von Störungen, da die Prinzipien gegeneinander wirken. Die freie Entwicklung ist ohne Vertrauen nicht möglich, die Psychodressur nicht ohne Kontrolle. Die Dressur kann schneller Erfolge vorweisen und die Inhalte brauchen weder Sinn noch Begründung. Doch geht das nur um den Preis der geistigen Freiheit und Flexibilität.

Einem Kind beispielsweise Höflichkeitsrituale einzuimpfen, ist Sache von wenigen Jahren - ein sich frei entwickelndes Kind wird vielleicht erst nach der Pubertät so höflich sein. Dann aber nicht aus einem inneren Zwang heraus, weil ,man' es eben so macht, sondern weil es Verständnis und Taktgefühl für die Mitmenschen entwickelt hat. Dieses ermöglicht ihm, auch mit Kulturen zurecht zu kommen, die andere Normen und Rituale erwarten. Ein dressiertes Kind dagegen wird andere Normen und Rituale immer als falsch empfinden, wenn sie denen widersprechen, die ihm eingeprägt wurden.

Bei der freien Entwicklung ist die Sozialisation ein normaler Lerninhalt, deshalb kann sie durch einfaches Lernen verändert, erweitert und auch relativiert werden, gesellschaftlicher Wandel ist kein Problem. Beim Winterhoff'schen 'Training' wird sie fest in emotionalen Strukturen verankert, die nur sehr schwierig und langsam zu ändern sind. Abweichungen von dem, was die Eltern immer wieder als gut und richtig eingeimpft haben, sind mit Angst besetzt, z.B. vor Liebesentzug oder dem Ärger weiterer Zurechtweisungen. Diese Angst ist meist nicht bewußt, sondern verborgen, lenkt und begrenzt aber dennoch Handlungen und Gedanken.

Bei solcher Angst im Hintergrund gibt es geistige Freiheit nur noch auf Gebieten, die kaum etwas mit den Erziehungsinhalten zu tun haben, beispielsweise in der höheren Mathematik . 'Was sein muss', ist sonst als Ergebnis eines Gedankengangs schon vorher festgelegt, was nicht sein darf‘ ist angstbesetztes Sperrgebiet. Eine 'trainierte' Seele wird zB über die Notwendigkeit von Schule oder Zähneputzen nicht ergebnisoffen nachdenken können.

Dadurch sind die Normen und Werte lebenslänglich fixiert, ähnlich den angeborenen Instinkten. Es ist eine statische Anpassung, alles wäre wunderbar, wenn alles bliebe wie es war. Doch in einer sich wandelnden Gesellschaft und Umwelt wird es zur Fehlanpassung. Die emotional fixierten Menschen finden sich mit der veränderten Realität nicht mehr zurecht, da sie immer noch die Welt erwarten, an die sie angepasst wurden. Das führt zu Frustrationen, Aggressionen und irgendwann zu reaktionären Bewegungen, zu Versuchen, die Welt wieder anzupassen an die veralteten Weltbilder.

Winterhoff selbst ist mit seinen Werken und Auftritten ein Beispiel, wohin diese Art von Erziehung führt. Ein ganzes langweiliges Kapitel seines zweiten Buches beschäftigt er sich damit, welche 'Kommunikationsstörungen' sich ergeben, wenn nicht 'das Kind als Kind' in seinem Sinne gesehen wird. Eigentlich ist es selbstverständlich, dass nicht jeder mit gleichen Begriffen das gleiche meint. Unterschiedliche Weltbilder sind keine Störung der Kommunikation, sondern gerade der Anfang zu wirklicher Kommunikation. Wenn alle die Welt gleich sehen würden, würde Kommunikation reduziert auf gegenseitige Bestätigung.

Sein Erfolg ist darauf zurückzuführen, dass es viele Menschen gibt, die ähnlich erzogen wurden, die Bestätigung für ihr Weltbild wollen und nicht Kommunikation, die es verändern könnte. Da gibt es einerseits eine erschreckende Gewalttätigkeit unter Jugendlichen, die manchmal wirklich tyrannisch ist. Und es gibt das Unbehagen, wenn Kinder sich anders verhalten und/oder anders behandelt werden als sie selbst in ihrer Kindheit. Auch wenn das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat, da die jugendlichen Gewalttäter meist autoritär erzogen sind, assoziiert Winterhoff einen solchen Zusammenhang. Und das macht seine Thesen attraktiv für Leute, die schon immer geahnt haben, dass das nicht gut gehen kann, wenn man vom einzig richtigen Weg abweicht.

Warum werden Kinder als Tyrannen empfunden?

Das Wort 'Tyrann' war ursprünglich eine griechische Bezeichnung für Herrscher allgemein. Später bekam es die spezielle Bedeutung von Gewaltherrscher aus persönlicher Willkür. Was sind das nun für Kinder, die von Winterhoff als 'Tyrannen' bezeichnet werden? Sehen wir uns mal ein Fallbeispiel genauer an. Erstmal aus der Sicht einer Lehrerin:

"Normalerweise fordere ich die Kinder einmal auf, ihre Mappen aus dem Schulranzen zu holen und auf den Tisch zu legen, damit ich mir die Aufgaben anschauen kann. Bei Philipp klappt das so gut wie nie nach der ersten Aufforderung. Kürzlich schaute er mich nach der Wiederholung meiner Bitte an und fragte nur ,Warum?‘, woraufhin ich geduldig erklärte: ,Weil wir jetzt die Hausaufgaben kontrollieren.‘ Passiert ist in diesem Moment gar nichts, keinerlei Reaktion des Siebenjährigen. Naturgemäß wird man in so einem Moment leicht ungeduldig, da ich solche Situationen kenne, bitte ich ihn aber noch ein drittes Mal, nun endlich die Mappe aus dem Tornister zu holen. Was antwortet mir dieses Kind? ,Nö, keine Lust!‘ Da ich diese Verweigerungshaltung nicht akzeptieren will, versuche ich also weiter, Philipp dazu zu bewegen, mir seine Hausaufgaben zu zeigen. Das Resultat ist, dass das Kind aufsteht und sich ohne einen weiteren Kommentar unter den Tisch setzt. Er hat sich dann die komplette Stunde nicht dort wegbewegt, ich konnte ihn nicht dazu bringen, sich wieder hinzusetzen und in der Klasse mitzuarbeiten."

Also ein Kind, das nach Sinn und Begründung einer Aufforderung an ihn fragt, darauf eine völlig unzureichende Antwort bekommt und sich daraufhin weigert, der Aufforderung nachzukommen. Doch was sagt Winterhoff dazu?

"Der Siebenjährige ist erkennbar in einer Phase des frühkindlichen Narzissmus gefangen, er kennt nur sich selbst, seine Bedürfnisse im jeweiligen Moment, und ist völlig außerstande, auf Anforderungen der Außenwelt zu reagieren."

Erkennbar ist hier, dass es Winterhoff nicht um das Kind geht, sondern um seine Vermutung, dass Kinder, die nicht unauffällig und bedingungslos gehorchen, psychisch zurückgeblieben sind. Natürlich reagiert Philipp auf Anforderungen der Außenwelt, nur eben nicht so wie es gewünscht wird. Nach meinem Empfinden ist er zumindest in puncto Mut und Selbstbewusstsein weiter als seine Mitschüler, sonst würde er die Auseinandersetzung mit der Lehrerin nicht wagen.

"Seine Verweigerungshaltung gegenüber der Lehrerin ist also keine gewollte Bösartigkeit, um diese zu verletzen, sondern Philipp erkennt schlicht in seiner Lehrerin kein Gegenüber, das für ihn von irgendeiner Bedeutung wäre."

Darin steckt die Anklage, dass er die Lehrerin verletzt hätte, obwohl er nichts getan hat außer sich zu verweigern. Gnädigerweise spricht Winterhoff ihn zumindest von der gewollten Bösartigkeit frei, doch um den Preis, dass er ihm den Willen abspricht und ihm krankhafte Unfähigkeit unterstellt.

Hier zeigt sich auch Winterhoffs Grundeinstellung gegenüber Kindern. Er sieht sie nicht als Subjekte mit eigenem Willen und eigenen Vorstellungen, sondern als beliebig programmierbare Objekte. Wenn sie nicht reibungslos funktionieren, sind sie defekt, weil falsch programmiert. Das erspart ihm, sich um Verständnis zu bemühen, zu überlegen, warum das Kind nicht blind gehorchen will.

Von der gesamten Situation der gestörten Beziehung zwischen Philipp, seiner Lehrerin und dem Schulsystem sieht er nur das Kind als gestört und beziehungsunfähig. An der Lehrerin kritisiert er nur, dass sie sich nicht genug Respekt verschafft, wie, das lässt er offen. Das ganze System von Schule, Hausaufgaben, Gehorsam und Kontrolle wird als selbstverständlich vorausgesetzt und ist völlig außerhalb des Blickfelds, nicht nur unantastbar, sondern auch undiskutierbar.

"Aus diesem Grunde hat auch die Aufforderung, seine Hausaufgaben vorzulegen, für ihn keine Bedeutung, denn er ist nicht in der Lage, die Lehrerin als Respektsperson zu erkennen."

Was ist eine Respektsperson? Anscheinend eine Person, der ohne Rückfrage zu gehorchen ist. Kein Wunder, dass 'Respekt' und 'Respektlosigkeit' in beiden Büchern zwar häufig vorkommt, dabei jedoch nie von Respekt gegenüber Kindern oder von gegenseitigem Respekt die Rede ist. Das respektlose 'kein Gegenüber erkennen' im Anderen, das er bei Kindern immer wieder als 'Tyrannei' und psychischen Defekt gebrandmarkt, wird im umgekehrten Verhältnis als selbstverständlich und normal angenommen.

Dabei ist Respekt genau das, was Philipp von seiner Lehrerin einfordert. Er möchte nicht einfach als Automat gesehen werden, der zu funktionieren hat, sondern als Wesen, das ein Recht hat auf Begründungen und Sinnzusammenhänge für das, was es tun soll. Wenn an mich jemand Forderungen stellt, will ich sie auch begründet sehen, und dann erst entscheiden, ob ich sie erfülle. Und wenn das nicht respektiert wird, hätte ich auch 'keine Lust'.

"Darüber hinaus überzeugt er sich wieder und wieder davon, dass er die Lehrerin in der Hand hat mit jedem weiteren Versuch, ihn zu etwas zu bewegen, stellt diese sich seinen Steuerungsversuchen zur Verfügung ..."

Wer will hier eigentlich wen steuern? Eigentlich müsste doch klar sein, dass es hier die Lehrerin ist, die die Kinder steuern will, sie in diesem Fall dazu bringen will, ihre Mappen vorzulegen. Natürlich nicht so sehr aus persönlicher Machtgier, sondern weil sie es als ihre gesellschaftliche Aufgabe sieht. Ihr Dilemma ist, dass sie die Verweigerung als nicht hinnehmbare persönliche Niederlage empfindet, eben weil sie es als völlig normal ansieht, Kinder steuern zu können.

Philipp weigert sich, sich steuern zu lassen, sich der Macht zu unterwerfen. Würde er sich denn unter dem Tisch verkriechen, wenn es sein Interesse wäre, die Lehrerin zu steuern? Dort hat er die Lehrerin nicht im Blick, und angenehm ist weder der Ort noch die ständigen Versuche der Lehrerin, ihn zurückzuholen. Wenn er schon nicht respektiert wird, will er wenigstens in Ruhe gelassen werden. Dabei ist einzige Befriedigung für ihn das Gefühl, zu sich selbst zu stehen.

Wie kommt es nun angesichts eines Kindes, das nichts weiter tut, als sich zu verweigern, zu der Assoziation eines verletzenden Gewaltherrschers? Zweifellos bringt Philipp die Lehrerin in Schwierigkeiten. Doch die Macht, von der sie unter Druck gesetzt wird, ist nicht seine, sondern die verdrängte gesellschaftliche Macht ihrer eigenen Erziehung. Wenn sie normal im Winterhoffschen Sinne erzogen ist, wurde ihr diskussionslos immer wieder eingeprägt, was richtig und was falsch ist, was sein muss und was nicht sein darf. Schule muss sein, Hausaufgaben müssen sein, Kontrolle muss sein. Darüber wird nicht diskutiert, das darf nicht infrage gestellt werden.

Es muss auch sein, dass Kinder den Lehrern gehorchen. Die Situation der Verweigerung ist in ihrem Weltbild nicht vorgesehen, damit kommt sie nicht zurecht, sie empfindet es als ihr persönliches Versagen. Im Konflikt zwischen Philipp und der verdrängten Macht kann sie sich von der Macht nicht abgrenzen. Also bleibt nur das Kind als mögliche Ursache ihrer unangenehmen Lage, sie fühlt sich von ihm angegriffen und verletzt.

Bei den anderen Fallbeispiele ist das Prinzip ähnlich. Kinder sind anders als sie sein sollten, zu Engstirnigkeit erzogene Erwachsene haben Probleme damit und erklären sie deshalb zu Tyrannen, auch wenn sie eigentlich nur Verweigerer oder Rebellen sind. Hier ist der Begriff 'Projektion' wirklich angebracht, sogar in seinem Extremfall, dem Prinzip Sündenbock.

Wie umgehen mit dieser reaktionären Bewegung ?

Kinder werden zu Tyrannen erklärt aus einer Verlogenheit heraus, die keiner bösen Absicht entspringt, sondern inneren psychischen Zwängen, der Unterwerfung unter eine Macht, die dann als Normalität verdrängt wird. Da dies kein individuelles Schicksal ist, sondern ein kulturelles, ist auch die Verlogenheit keine individuelle, sondern eine kollektive, die sich gegenseitig bestätigt. Diese Verlogenheit aufzudecken und Klarheit zu schaffen ist die erste Notwendigkeit gegen die neue Welle der Kinderfeindlichkeit.

Die zweite Notwendigkeit ist, die Kinder vor den psychischen Deformationen zu bewahren, die zu Engstirnigkeit und eben dieser Verlogenheit führen. Also genau die Art von Erziehung zu vermeiden, die Winterhoff als Lösung seiner Probleme anpreist.

Es mag sein, dass durch solche Erziehung viele kleine Katastrophen wie unaufgeräumte Zimmer, schwarze Fingernägel oder geschwänzte Schulstunden vermieden werden können. Doch große Katastrophen wie der Nationalsozialismus und der zweite Weltkrieg wurden nicht nur nicht verhindert, sondern geradezu durch das reibungslose Funktionieren erst ermöglicht. Die allererste Forderung an Erziehung von Adorno, "dass Auschwitz nicht noch einmal sei", erfüllt sie jedenfalls nicht, sie ist mit der Erziehung vor Auschwitz identisch.

Jobst Quis

Eine etwas kürzere Fassung dieses Artikels gibt es auch im Unerzogen-Magazin 2/09
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Literatur:
Ekkehard v Braunmühl - Zur Vernunft kommen. Eine 'Anti- Psychopädagogik' - Beltz ISBN 3-407-34036-2
Erich Fromm - Die Furcht vor der Freiheit - Ullstein ISBN 3-548-35178-6
Arno Gruen - Der Verlust des Mitgefühls - dtv ISBN 3-423-35140-3
Arno Gruen - Der Verrat am Selbst - dtv ISBN 3-423-08581-9
Arno Gruen - Der Wahnsinn der Normalität- dtv ISBN 3-423-35002-4
Jean Liedloff - Auf der Suche nach dem verlorenen Glück - Beck ISBN 3-406-32078-3
Alice Miller - Am Anfang war Erziehung - Suhrkamp ISBN 3-518-37451-6